Helmut Schreiner im Jahr 1982. Die 30-jährige Firmenfeier stand unter dem Motto „30 Jahre Erfahrung und Bemühen“
Carolin Wacker
Zum Abschied aus dem Ehrenvorsitz des VskE im April 2026 blickt Helmut Schreiner auf ein Unternehmerleben zurück, das mit einer Einfarben-Prägepresse begann. Aufgestellt 1951 durch die Gründer des Unternehmens, Theodor und Margarethe Scheiner, in einer 45 qm großen, dazu gebauten Garage. Im Gespräch mit Etiketten-Labels erzählt Helmut Schreiner von den Anfängen der heutigen Schreiner Group und den Prinzipien, die bis heute nachwirken.
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Prof. h.c. mult. Dr. h.c. Ing. Helmut F. Schreiner, Senior-Gesellschafter und Beirat der Schreiner Group, Geschäftsführer der Schreiner Innovation GmbH & Co. KG und der Schreiner Immobilien-Beteiligungs GmbH
Möglich wurde die Gründung in der Nachkriegszeit mit einem Lastenausgleichskredit über 6500 DM, Verwandtendarlehen und geschwisterlicher Hilfe. Die Idee zur Gründung einer Spezialfabrik für geprägte Siegelmarken und Etiketten wurde im Schützengraben geboren vom Vater, Theodor Schreiner, zusammen mit einem Graveur. Nach der Rückkehr aus dem Krieg begann die Realisierung. Angemeldet wurde das Unternehmen auf den Namen der Mutter, Margarethe Schreiner, und hieß deshalb M. Schreiner, Spezialfabrik für geprägte Siegelmarken und Etiketten.
Von Anfang an waren die Kinder Helga und Helmut miteingebunden. Helmut erinnert sich an die ersten Stanzformen, die er selbst hergestellt hat. Loch für Loch gebohrt, mit der Laubsäge ausgesägt, mit der Feile geglättet und schließlich eine Schneidphase gefräst. Die ersten Aufträge wurden unabhängig von jeder Arbeitszeit produziert, um Kundenwünsche pünktlich zu erfüllen. Die Begründung vom Vater war: ,Das ist alles mal für dich.‘
Der Vater, als studierter, innovativer Maschinenbauer, war in der Lage, Zinkklischees in der Badewanne zu ätzen und damit teure Gravuren zu ersetzen. Auch die Aufnahme von Reinzeichnungen, das Entwickeln, Fixieren und Duplizieren wurde innovativ im ehemaligen Hühnerkeller realisiert. Dieser Pionier- und Erfindergeist ist in der Familie tief verwurzelt. „So war mein Vater unter anderem der Erfinder der ersten Benzinuhr für den VW-Käfer“, erklärt Helmut Schreiner, „und mein Großvater mütterlicherseits war Erfinder der Schütten, die bald in jedem Edeka-Laden für Schüttgut genutzt wurden. Er hat auch eine Kaffeeröstmaschine für Feinkostläden entwickelt. Der Großvater kam vom Land und hat sich hoch gearbeitet zum selbständigen Spezerei-Geschäftsinhaber in München. Die Freude an der Problemlösung ist auch mir zu eigen.“
Herstellerprogramm Etiketten-Schreiner, 1961
Zwei Lehrberufe, ein Studium
Als Lehrling in der Kaufmannsschule saß Helmut Schreiner neben den Auszubildenden von BMW und Siemens. Aus dem Kleinbetrieb kommend, legte er seine Prüfung zum Industriekaufmann mit Hilfe von Nachhilfestunden 1957 ab. „Die Lehre vom positiven Leben“ hat ihn begeistert und auf den ständigen Lernweg geführt. So zählte nie das Problem, es zählte nur die Lösung.
Doch eine Lehrzeit genügte nicht für ein Studium an der Akademie für das Grafische Gewerbe. Notwendig war eine Fachlehre, um studieren zu können. Mit einer zweiten Lehrzeit als Buchdrucker war auch diese Hürde genommen. Die Lehrmeisterprüfung schloss sich an, dazu eine REFA-Ausbildung und das praktische Lernen als Werksstudent. Seine erste Stelle hatte er als Sachbearbeiter in einem großen Offsetbetrieb mit 450 Mitarbeitern. Dank Fleiß und guten Ideen wurde er bald Produktionsleiter und schließlich Mitarbeiter für Großaufträge im Bruckmann Verlag. Inzwischen wurde das elterliche Unternehmen in Etiketten-Schreiner umbenannt und ist in ein größeres Gebäude gezogen. Als seine Mutter erkrankte, kehrte er in das elterliche Unternehmen zurück.
Übernahme 1974 und Neustart
Anfang der 70er Jahre entschied sich Helmut Schreiner, den elterlichen Betrieb mit einem Jahresumsatz von 2,5 Millionen DM gegen Erbverzicht und Leibrente zu übernehmen. Darauf hatte er lange gewartet. Jetzt gab es für ihn und seine Frau nur einen Weg, nämlich den nach vorne. Sein erster Schritt als Unternehmer: Er stellte die Belieferung von Wiederverkäufern ein und baute einen eigenen Kundenstamm auf, um wirtschaftlich erfolgreich zu werden. Er designte Firmenzeichen für Kunden und sicherte sich das Copyright für Folgeaufträge. Es ging auf und ab. Jeden Abend rief er seine Mutter an und berichtete von der Auftragslage. War sie gut, meinte die Senior-Chefin „Jetzt geht es mir schon viel besser.“ Das ist Mittelstand, das Unternehmen saß immer mit am Tisch. Innerhalb von zwei Jahren verdoppelte er den Umsatz auf 4,6 Millionen DM, dank voller Kundenorientierung und 100 % Qualität und Zuverlässigkeit.
Auf einer FINAT-Reise nach Japan kaufte Schreiner eine Maschine, die über Zylinder statt Flachform Etiketten druckte. Wettbewerber wunderten sich, wie Schreiner bis sechsfarbige Etiketten passgenau fertigen konnte. Ständiger Kundenkontakt, Mitdenken und das Lösen von Kundenproblemen wurden Grundlage für weitere Erfolge. Ständiges Lernen auf allen Gebieten der Technik, des Vertriebs und der Führung eines Unternehmens wurde zur Normalität.
Wirtschaftsflaute in den 1980er Jahren
Als eine Wirtschaftsflaute auch das Unternehmen unter Druck setzte, verkaufte Schreiner eigene Immobilien – aber entließ keinen einzigen Mitarbeiter. Die Belegschaft ist zum Erfolgsfaktor geworden. So wurde die Überzeugung gelebt: „Es sollte keiner führen, der den Mitarbeitern nicht zugetan ist.“ Als es wieder aufwärts ging, zahlte sich diese Haltung aus. Dazu die Überzeugung: Wer auf einem Marktplatz bestehen will, braucht etwas, das andere nicht anbieten. So wurden in den 1980er Jahren Produkte entwickelt, die zusätzliche Funktionen in das Produkt- und Auszeichnungsetikett integrierten. Ergebnis waren die Autobahnvignette, PIN-Rubbellose, Spritzenetiketten mit integriertem Nadelschutz, nachbeschriftbare Polyscript-Folienschilder für Geräte und Maschinen. Das Unternehmen meldete Gebrauchsmuster und Patente an. Die Innovationen brachten den Anwendern zusätzliche Nutzen. Der Dialog mit den Kunden brachte Erkenntnisse auf beiden Seiten, was wieder zu neuen Lösungen führte.
„Es sollte keiner führen, der den Mitarbeitern nicht zugetan ist“ – Helmut Schreiner –
Verbandsarbeit: „Der Wunsch war beizutragen und gemeinsam zu lernen“
Schreiner lebt die Grundüberzeugung: „Gemeinsam erreicht man mehr.“ Beitragen ist für ihn eine dienende Tätigkeit, in der man Aufgaben übernimmt und auch erfüllt. Das Dienen bestehe darin, Anforderungen zu erfüllen, die die Zeit neu bringt. Das betreffe Ökonomie, Ökologie und Soziales. Diese Themen schließen sich für ihn nicht aus, sondern gehören fest zusammen.
Diese dienende Aufgabe erfüllte Schreiner auch in der Verbandsarbeit. Durch seinen Einstieg in die FINAT, den europäischen Dachverband der Etikettenindustrie, wuchs bei ihm eine Überzeugung: Deutschland braucht einen eigenen nationalen Verband. 1980 warb Gerd Mayntz – Inhaber eines Unternehmens für Karten und Briefumschläge – für die Gründung eines nationalen Verbandes der Hersteller selbstklebender Etiketten im deutschsprachigen Raum (VskE). Etiketten Schreiner wurde mit weiteren Firmen Gründungsmitglied des Verbands. Er brachte sich in den verschiedenen Arbeitsausschüssen ein und wurde später als Nachfolger von Gerd Mayntz, zusammen mit Anke Hoefer als Stellvertreterin und weiteren Vorstandsmitgliedern gewählt. Die Namenserweiterung zum Verband der Hersteller selbstklebender Etiketten und Schmalbahnkonverter wurde vorgeschlagen und beschlossen, um das Herstellspektrum und damit das Mitgliederspektrum zu erweitern.
„Je stärker die Verbandsstruktur ist, desto stärker wird auch die Industrie. Das Wesentliche war deshalb der Austausch und das gemeinsame Lernen“ – Helmut Schreiner –
Die großen Firmen hielten sich zu Beginn vom VskE fern – aus dem Kalkül, dass man vielleicht neuen Wettbewerbern mit zu viel Knowhow helfen würde. Helmut Schreiner als Vorsitzender zog die entgegengesetzte Schlussfolgerung und öffnete den Verband nach innen und außen – gemäß seiner Erkenntnis „Je stärker die Verbandsstruktur ist, desto stärker wird auch die Industrie. Das Wesentliche war deshalb der Austausch und das gemeinsame Lernen.“ Im Rahmen der Verbandsarbeit entstand das Ringbuch „Die Welt der Etiketten“. Dieses bündelt Branchenwissen, welches bis dahin eher als Geheimwissen behandelt wurde. Die Lieferindustrie wurde eingebunden und förderte mit Entwicklungen auf allen Gebieten die Verbandsmitglieder.
Herstellerprogramm Etiketten-Schreiner, 1961
Wachstum braucht Raum
Die Firmengeschichte, von der Garage über einen angemieteten Wirtshaussaal bis hin zum ersten eigenen Firmengebäude war ein erlebnisreicher, steiniger Weg im elterlichen Unternehmen. Nach der Übernahme begann ein forciertes Wachstum, das den Anbau und die Aufstockung notwendig machte.
Heute umfasst der Standort Oberschleißheim über 70.000 Quadratmeter Betriebsfläche
Bald aber reichte die Betriebsfläche wieder nicht. Nachdem die Stadt München weitere Erweiterungen im Wohngebiet untersagte, blieb nur das Aussiedeln. Das Kriterium für die Grundstückssuche war klar: Die gesamte Belegschaft mit inzwischen 160 Personen sollte dem Unternehmen erhalten bleiben. Ein Grundstück, zwei S-Bahn-Stationen weiter nördlich in Oberschleißheim, hieß das Unternehmen willkommen. 1993 war der erste Bau mit doppelter Fläche bezugsfertig. Inzwischen sind es sechs Gebäude und zwei Parkhäuser auf 70.000qm Betriebsfläche. Der Betrieb in der Waldvögeleinstraße wird im Erdgeschoss für die Fertigung von Spezialprodukten genutzt. Im ersten Obergeschoß arbeitet Schreiner Innovation und das Schreiner Immobilien Management.
Die Unternehmenswerte – Innovation, Qualität, Leistungskraft und Freude – prägen das Unternehmen durchgehend. Seit Anfang 2000 wachsen vier Geschäftsbereiche weiter: ProTech für die technischen Industrien, MediPharm für Medizin und Pharma, ProSecure für Sicherheitsanwendungen und LogiData für Logistiklösungen. Jeder Bereich verfolgt die gleiche Mission: 100 Prozent Qualität bei absoluter Lieferzuverlässigkeit für ein innovatives Leistungsspektrum.
Übergabe an die dritte Generation
2008 eröffnet die Schreiner Group den Produktionsstandort in New York, 2016 folgt die Eröffnung des Standorts Shanghai
Schließlich war die Zeit reif für eine Übergabe des Unternehmens an die dritte Generation. Roland Schreiner war bereits zehn Jahre an verantwortungsvollen Positionen im Unternehmen wirksam. Den Generationswechsel nennt Helmut Schreiner die „Meisterprüfung im Unternehmerleben“. Er organisierte ihn schrittweise. Roland Schreiner übernahm zunächst Verantwortung für den Bereich MediPharm, dann für die gesamte Fertigung, 2012 schließlich für alle Geschäftsbereiche. Parallel dazu übertrug Helmut Schreiner schrittweise Anteile bis zur deutlichen Mehrheit. Er verblieb in der Rolle als Gesellschafter und Beirat. „Die internationale Ausbildung des Nachfolgers hat das Unternehmen konsequent in die Welt geführt“, erklärt Helmut Schreiner. Das Unternehmen hat heute Produktions-Standorte in den USA und in China. Nach Abgabe seiner Verantwortung bildete sich Helmut Schreiner zum zertifizierten Mediator, Coach und Immobilienverwalter aus und übernahm ehrenamtliche Aufgaben. Das ständige Lernen sei immer Voraussetzung gewesen – und bleibe es. Begleitend hält er wissenschaftliche Vorträge an Universitäten.
Auch in der Verbandsarbeit setzte Schreiner nun auf einen Generationswechsel. Nach 17 Jahren als erster Vorsitzender des VskE und weiteren Jahren als Ehrenvorsitzender trat er im April 2026 freiwillig zurück, um Raum zu geben für die nächste Generation. Alles habe seine Zeit und damit auch sein Ende. Den richtigen Zeitpunkt zu finden sei die persönliche Herausforderung.
75 Jahre reflektiert
Die Schreiner Group feiert in diesem Jahr ihr 75-jähriges Firmenjubiläum. Was in einer Garage begann, ist heute ein Unternehmen mit mehr als 220 Millionen Euro Umsatz, Produktionsstätten in Deutschland, den USA und China und über 1200 Mitarbeitern. Helmut Schreiner hatte als Unternehmer zusammen mit seiner Frau Ulrike maßgeblichen Anteil. Was er jungen Führungskräften gerne vermittelt, ist die Bedeutung der Freude an der eigenen Aufgabe, die als Dienen verstanden wird und nicht als Herrschen. Ein Grundsatz, der täglich gelebt werden muss. Er erklärt: „Alles kommt aus diesem Geist. Daraus ergeben sich die Worte, am Ende die Tat. Nur die Tat ist es, die über den späteren Erfolg dann entscheidet.“